Anfang September fühlt sich vieles endgültig an. Die Ausbildungsverträge sind geschlossen, die ersten Berufsschultage laufen, und wer keinen Platz hat, hat den Eindruck, eine Tür sei zugefallen. Tatsächlich beginnt an diesem Punkt ein eigener, gut organisierter Abschnitt des Ausbildungsjahres. Er hat einen Namen, einen Zeitraum und feste Zuständigkeiten. Die Nachvermittlung Ausbildung ist kein Trostpflaster, sondern der Teil des Systems, in dem jedes Jahr Zehntausende Verträge zustande kommen.

Der Ausbildungsmarkt schließt nicht Ende August

Ein Blick auf die Zahlen hilft gegen das Gefühl, zu spät dran zu sein. Bundesweit meldeten sich seit Oktober 2025 rund 400.000 Bewerberinnen und Bewerber für eine Ausbildungsstelle. Bis Juni 2026 hatten davon etwa 181.000 noch keine Stelle oder Alternative gefunden. Gleichzeitig weist die Statistik der Bundesagentur für Arbeit 409.000 gemeldete Ausbildungsstellen aus.

Rechnerisch sind also mehr Plätze da als Suchende. Das Problem liegt selten an der Menge, sondern an der Passung zwischen Wunschberuf, Region und Anforderungen. Genau daran arbeitet die Nachvermittlung. Im vergangenen Nachvermittlungszeitraum von Oktober bis Januar wurden rund 26.000 Ausbildungsstellen noch nachbesetzt, überdurchschnittlich viele davon im Verkauf, im Handwerk, in der Gastronomie und in der Pflege.

Was hinter dem Begriff „fünftes Quartal“ steckt

In der Sprache der Arbeitsagentur heißt der Zeitraum von Oktober bis Januar das fünfte Quartal. Gemeint ist die Phase nach dem eigentlichen Ausbildungsstart, in der weiter vermittelt wird, und zwar für einen sofortigen Beginn. In diesem Fenster standen zuletzt 84.000 gemeldete Bewerberinnen und Bewerbern 64.000 gemeldete betriebliche Ausbildungsstellen gegenüber.

Für Sie bedeutet das praktisch: Ein Vertrag, der im Oktober oder November geschlossen wird, ist völlig normal. Betriebe rechnen damit, und die Berufsschulen nehmen Nachzügler in laufende Klassen auf. Wer im Januar startet, verliert im Regelfall kein ganzes Jahr, sondern steigt später in denselben Jahrgang ein oder beginnt mit dem nächsten regulären Schuljahresabschnitt.

Ein Anruf bei der Berufsberatung schaltet mehr frei als jede Online-Suche

Der wirksamste erste Schritt ist der unspektakulärste. Melden Sie sich bei der Berufsberatung Ihrer Agentur für Arbeit oder bei der Jugendberufsagentur, falls es vor Ort eine gibt. Sobald Sie dort als suchend gemeldet sind, passiert mehr, als die meisten erwarten.

Junge Frau im Beratungsgespräch mit einer Berufsberaterin, Bewerbungsmappe und Laptop auf dem Tisch

Wer als suchend gemeldet ist, wird Betrieben aktiv vorgeschlagen. Viele Unternehmen inserieren im Herbst gar nicht mehr, sondern warten auf genau diese Vorschläge.

Die Beratung schlägt Ihnen konkrete Stellen vor, und sie kann Sie umgekehrt Betrieben aktiv als Bewerberin oder Bewerber empfehlen. Diese zweite Richtung ist der eigentliche Hebel: Viele Betriebe, die im Sommer keine passenden Bewerbungen bekommen haben, melden ihre offene Stelle im Herbst direkt der Agentur und warten auf Vorschläge, statt neu zu inserieren. Wer nicht gemeldet ist, taucht in diesem Verfahren schlicht nicht auf.

Zusätzlich lässt sich in diesem Gespräch klären, ob eine Berufsausbildungsbeihilfe infrage kommt, falls für die Ausbildung ein Umzug nötig wäre. Die Bedarfssätze wurden zum 1. Mai 2026 angehoben, der Grundbedarf bei eigenem Haushalt liegt bei 752 Euro monatlich zuzüglich Wohnpauschale.

Drei Börsen, drei unterschiedliche Datenbestände

Ein häufiger Fehler ist, sich auf eine einzige Plattform zu verlassen. Es gibt drei große Quellen, und sie enthalten nicht dieselben Stellen.

Junger Mann recherchiert am Laptop nach Ausbildungsplätzen und notiert Betriebe in einem Notizbuch

Arbeitsagentur, IHK und Handwerkskammern führen getrennte Bestände. Wer nur eine Plattform durchsieht, übersieht regelmäßig genau die kleinen Betriebe, die sonst nirgends inserieren.

Die Ausbildungsbörse der Bundesagentur für Arbeit ist die größte und enthält duale wie schulische Ausbildungen und duale Studiengänge. Die IHK führt ihre eigene Lehrstellenbörse, erreichbar über meine-ausbildung-in-deutschland.de, mit den Betrieben aus Industrie, Handel und Dienstleistung. Die Handwerkskammern betreiben regionale Lehrstellenbörsen für die Handwerksberufe, und dort finden sich häufig kleine Betriebe, die überhaupt nicht anderswo inserieren.

Wer alle drei durchgeht, sieht ein deutlich vollständigeres Bild. Ein zusätzlicher Kanal, den kaum jemand nutzt: Viele Kammern posten offene Plätze kurzfristig über ihre eigenen Social-Media-Kanäle, oft schneller, als die Einträge in den Börsen aktualisiert werden.

Nachvermittlungsaktionen: der Tag, an dem alle an einem Tisch sitzen

Zwischen September und November veranstalten Handwerkskammern, IHKs und Arbeitsagenturen gemeinsame Nachvermittlungsaktionen, meist in den Berufsinformationszentren. Dort sitzen Berufsberatung und Ausbildungsberatung der Kammern gleichzeitig im Raum und haben Zugriff auf die aktuellen freien Plätze der Region.

Jugendliche im Gespräch mit Beraterinnen und Beratern bei einer Nachvermittlungsaktion im Berufsinformationszentrum

An diesen Terminen sitzen Berufsberatung und Ausbildungsberatung gleichzeitig im Raum. Ist der Wunschberuf vergeben, liegen verwandte Berufe und Einstiegsqualifizierungen im selben Gespräch auf dem Tisch.

Der Vorteil gegenüber einer Online-Bewerbung ist der direkte Abgleich. Wenn ein Wunschberuf nicht mehr verfügbar ist, kommen im selben Gespräch verwandte Berufe, Einstiegsqualifizierungen oder Praktikumsplätze auf den Tisch. Mitbringen sollten Sie Ihre vollständigen Unterlagen, weil viele Beraterinnen und Berater diese direkt durchsehen und Rückmeldung geben.

Die Termine stehen auf den Websites der regionalen Kammern und Agenturen. Ein Anruf beim BIZ genügt, um den nächsten Termin in Ihrer Nähe zu erfahren.

Der Ausbildungsberater der Kammer ist der unterschätzte Kontakt

Jede Kammer beschäftigt Ausbildungsberaterinnen und Ausbildungsberater, die die Betriebe ihres Bezirks persönlich kennen. Sie wissen, welcher Betrieb gerade ausbilden möchte, aber noch nicht inseriert hat, und welcher gerade eine Absage kassiert hat.

Dieser Kontakt ist kostenlos und steht auch Jugendlichen offen, nicht nur den Betrieben. Ein kurzer Anruf mit der Frage, ob im gewünschten Berufsfeld noch etwas frei ist, führt erstaunlich oft zu einem konkreten Namen. Diese Empfehlungen kommen nie in einer Datenbank an, weil sie über den Telefonhörer laufen.

Was Sie in die Gespräche mitnehmen sollten

Für alle diese Wege gilt dieselbe Vorbereitung. Halten Sie Ihre Unterlagen digital und ausgedruckt bereit, dazu eine kurze Liste der Betriebe, bei denen Sie sich bereits beworben haben. Diese Liste verhindert Doppelvorschläge und zeigt der Beratung, in welche Richtung Sie schon gesucht haben.

Formulieren Sie außerdem eine zweite und dritte Option. Wer neben dem Wunschberuf zwei verwandte Berufe benennen kann, verdreifacht in der Praxis die Zahl der Vorschläge, die für ihn infrage kommen. Kfz-Mechatronik und Land- oder Baumaschinenmechatronik liegen fachlich nah beieinander, ebenso Einzelhandel und Großhandel, ebenso viele Bau- und Ausbauberufe.

Zeit spielt in diesem Fall für Sie

Der Herbst hat einen Vorteil, den der Sommer nicht hatte. Betriebe, die im September mit einem unbesetzten Platz dastehen, sind deutlich gesprächsbereiter als im Frühjahr, als sie zwischen zwanzig Bewerbungen wählen konnten. Der Aufwand für eine Bewerbung bleibt derselbe, die Trefferquote steigt.

Wer die drei Börsen durchgeht, sich bei der Berufsberatung meldet und einmal bei der Kammer anruft, hat in einer Woche mehr Wege geöffnet als mit fünfzig weiteren Online-Bewerbungen im Juni. Und der Vertrag, der daraus entsteht, unterscheidet sich in nichts von dem, der im Mai unterschrieben wurde.

Fotos: Textnetz, Generiert mit KI