Die Ausgangslage ist besser, als sie scheint

Der Sommer neigt sich, die Freundinnen und Freunde haben ihre Ausbildung begonnen, und Sie stehen selbst noch ohne Vertrag da. Dieses Gefühl ist unangenehm, aber es ist kein Grund zur Panik. Anders als viele denken, ist die Suche im Spätsommer und Herbst längst nicht vorbei. Viele Betriebe suchen weiterhin händeringend Nachwuchs, und Jahr für Jahr werden Plätze wieder frei, die schon vergeben schienen. Wer jetzt aktiv wird, hat echte Chancen auf einen guten Start ins Berufsleben.

Ein Blick auf die Zahlen macht Mut. Zum Stichtag 30. September 2025 waren bundesweit noch rund 54.000 Ausbildungsstellen unbesetzt, so die Ausbildungsmarktbilanz der Bundesagentur für Arbeit. Zwar suchten gleichzeitig noch rund 40.000 junge Menschen, doch es gibt ein großes Reservoir an Angeboten. Hinzu kommt: In Deutschland existieren mehr als 320 anerkannte Ausbildungsberufe, und viele davon kennt kaum jemand.

Das eigentliche Problem ist selten ein Mangel an Stellen, sondern das, was Fachleute Passungsprobleme nennen. Angebot und Nachfrage passen oft regional, fachlich oder von den Voraussetzungen her nicht zusammen. Wer bereit ist, den Blick zu weiten und auch weniger bekannte Berufe in Betracht zu ziehen, verbessert seine Aussichten deutlich.

Dort suchen, wo tatsächlich Ausbildungsplätze frei sind

Manche Wunschberufe sind heiß begehrt, andere Branchen suchen dagegen dringend. Wer einen Ausbildungsplatz sucht, findet freie Stellen laut Ausbildungsmarktbilanz der Bundesagentur für Arbeit vor allem in Lebensmittelberufen, im Bau und in baunahen Berufen, in der Gastronomie, in Metallberufen, in der Orthopädie- und Rehatechnik, in der medizinischen Fachassistenz und in der Fahrzeugführung. Die beliebtesten Wunschberufe wie Kauffrau für Büromanagement oder Kfz-Mechatroniker sind dagegen umkämpft.

Junger Mensch recherchiert am Laptop nach freien Ausbildungsplätzen und macht sich Notizen.

Freie Stellen tauchen bis in den Herbst hinein immer wieder neu auf. Wer täglich kurz in die Börsen schaut, ist schneller als die Konkurrenz.

Das heißt nicht, dass Sie Ihren Traum aufgeben müssen. Es lohnt sich aber, verwandte Berufe mitzudenken, in denen die Konkurrenz kleiner und die Chance größer ist. Eine ehrliche Auseinandersetzung mit den eigenen Stärken öffnet oft überraschende Türen.

Verlassen Sie sich bei der Suche nicht auf einen einzigen Kanal. Die Ausbildungsstellensuche der Bundesagentur für Arbeit listet tagesaktuell freie Plätze, ebenso die Lehrstellenbörse der Industrie- und Handelskammern und das Lehrstellenradar des Handwerks. Auch regionale Jobbörsen und die Karriereseiten von Unternehmen in Ihrer Nähe sind eine ergiebige Quelle.

Ein oft unterschätzter Weg ist die direkte Ansprache. Rufen Sie in Betrieben an, die Sie interessieren, auch wenn dort gerade keine Stelle ausgeschrieben ist. Gerade kleinere Unternehmen besetzen Ausbildungsplätze manchmal kurzfristig und ohne große Anzeige. Wer sich selbst meldet und Initiative zeigt, bleibt im Gedächtnis.

Auch der persönliche Kontakt zahlt sich aus. Ausbildungsmessen, ein Tag der offenen Tür oder ein kurzer Besuch im Betrieb bringen Sie mit Ausbildern ins Gespräch, lange bevor eine Bewerbung auf dem Schreibtisch landet. Nehmen Sie solche Gelegenheiten in Ihrer Region wahr und notieren Sie sich Ansprechpartner. Ein Name und ein freundliches erstes Gespräch öffnen später oft schneller eine Tür als jedes anonyme Anschreiben.

Schnell und trotzdem sorgfältig bewerben

Jetzt zählt Tempo, doch Tempo darf nicht zulasten der Qualität gehen. Halten Sie eine vollständige Bewerbungsmappe griffbereit, mit einem individuellen Anschreiben, einem sauberen Lebenslauf und den letzten beiden Zeugnissen. So können Sie auf eine Ausschreibung innerhalb weniger Stunden reagieren. Worauf es dabei im Detail ankommt, lesen Sie in unseren Bewerbungstipps für Berufseinsteiger.

Hände ordnen eine Bewerbungsmappe mit Anschreiben, Lebenslauf und Zeugnissen auf einem Schreibtisch.

Eine fertige Mappe in der Schublade spart im entscheidenden Moment Stunden. Lassen Sie das Anschreiben vorher gegenlesen, vier Augen finden mehr als zwei.

Vermeiden Sie Massenbewerbungen mit austauschbarem Text. Ein kurzes, aber persönliches Anschreiben, das erklärt, warum genau dieser Betrieb und dieser Beruf zu Ihnen passen, wirkt stärker als zehn Standardschreiben. Nennen Sie konkret, was Sie mitbringen, und zeigen Sie, dass Sie sich mit dem Unternehmen beschäftigt haben. Ein Rechtschreibfehler im Anschreiben kostet oft mehr als eine mittelmäßige Note im Zeugnis.

Viele junge Menschen trauen sich mit einem durchschnittlichen Zeugnis kaum zu bewerben, und verschenken damit Chancen. Gerade jetzt, wo Betriebe Nachwuchs suchen, zählen Motivation, Zuverlässigkeit und ein guter persönlicher Eindruck oft mehr als die reine Notenliste. Wer in einem Fach schwächelt, kann das im Vorstellungsgespräch oder in einem Praktikum wettmachen. Ein Schnuppertag überzeugt manchen Ausbilder mehr als jedes Zeugnis, weil er sieht, wie Sie tatsächlich arbeiten.

Die zweite Chance nach dem Ausbildungsstart nutzen

Der 1. August und der 1. September gelten als klassische Starttermine, und wer diese Daten ohne Vertrag verstreichen sieht, fühlt sich schnell abgehängt. Doch der Ausbildungsmarkt macht nicht am Stichtag dicht. Gerade nach dem offiziellen Start kommt noch einmal viel Bewegung in den Markt. Plätze werden wieder frei, weil einzelne Verträge nicht zustande kommen oder in den ersten Wochen gelöst werden, und Betriebe melden Stellen nach, die sie zunächst nicht besetzen konnten.

Junger Mensch im Gespräch mit einem Betriebsvertreter an einem Stand einer Ausbildungsbörse.

Kammern und Arbeitsagentur bringen bei Nachvermittlungsaktionen Bewerber und freie Stellen zusammen, oft bei Börsen und Speed-Datings.

In dieser Phase greift die Nachvermittlung, die Fachleute auch das fünfte Quartal des Ausbildungsjahres nennen. Kammern und die Agentur für Arbeit bringen dabei noch einmal gezielt Bewerber und offene Stellen zusammen. Sie sichten die noch Suchenden, gleichen sie mit freien Stellen ab und laden zu Speed-Datings, Börsen und Beratungsgesprächen ein. Diese Aktionen laufen über den Herbst und oft bis ins neue Jahr hinein.

Damit dieses System für Sie arbeitet, müssen Sie sichtbar sein. Melden Sie sich bei der Agentur für Arbeit als ausbildungssuchend, wenn Sie es nicht ohnehin schon sind. Nur wer gemeldet ist, wird bei der Nachvermittlung berücksichtigt und über passende Stellen informiert. Fragen Sie zusätzlich bei Ihrer Kammer nach, welche Termine und Börsen in Ihrer Region anstehen.

Behalten Sie auch das Nachrücken im Blick. Wenn ein angenommener Bewerber kurzfristig abspringt, steht der Betrieb plötzlich wieder ohne Azubi da. Wer sich zuvor beworben und einen guten Eindruck hinterlassen hat, rückt dann oft nach. Deshalb zahlt es sich aus, nach einer Absage höflich Kontakt zu halten. Manche Ausbildung beginnt nicht am 1. August, sondern erst im Herbst oder zum Jahreswechsel, weil ein Platz unerwartet frei wurde.

Wer in dieser Phase erfolgreich sein will, sollte den eigenen Suchradius weiten, beim Beruf ebenso wie beim Ort. Ein verwandter Beruf, der weniger begehrt ist, oder ein gut erreichbarer Betrieb im Nachbarort kann genau der Einstieg sein, der jetzt gelingt.

Kostenlose Beratung annehmen und dranbleiben

Sie müssen diese Suche nicht allein bewältigen. In Deutschland gibt es ein dichtes Netz an kostenloser Unterstützung, das genau für solche Situationen geschaffen wurde. Die erste Adresse ist die Berufsberatung der Agentur für Arbeit. Sie ist für alle da, unabhängig davon, ob Sie schon einen konkreten Berufswunsch haben oder noch am Anfang stehen. Die Beraterinnen und Berater helfen bei der Orientierung, prüfen Ihre Unterlagen und kennen oft Stellen, die nicht öffentlich ausgeschrieben sind. Erreichbar ist die Beratung unter anderem über die kostenfreie Servicenummer 0800 4 5555 00.

Wer sich in Ruhe informieren möchte, ist im Berufsinformationszentrum richtig, kurz BIZ. Dort recherchieren Sie ohne Termin zu Berufen, Ausbildungswegen und Bewerbungen, sehen Filme und nehmen an Veranstaltungen wie Bewerbungstrainings teil. Hängt die Ausbildungssuche mit anderen Fragen zusammen, etwa mit Finanzierung oder Wohnsituation, hilft die Jugendberufsagentur. Hier arbeiten Agentur für Arbeit, Jobcenter und Jugendhilfe unter einem Dach zusammen, damit Sie Unterstützung aus einer Hand bekommen.

Auch die Industrie- und Handelskammern sowie die Handwerkskammern helfen aktiv weiter. Ihre Ausbildungsberater kennen die Betriebe in der Region genau und wissen, wo noch Plätze frei sind. Viele Beratungsstellen bieten zudem kostenlose Bewerbungstrainings an. Lassen Sie Ihre Unterlagen vor dem Versand von jemandem gegenlesen, denn ein zweiter Blick findet Tippfehler und unklare Formulierungen, die Sie selbst übersehen.

Die größte Hürde ist oft, sich überhaupt zu melden. Viele zögern, weil sie glauben, ihr Anliegen sei zu klein. Das trifft nicht zu. Je früher Sie sich melden, desto mehr Zeit bleibt, gemeinsam eine Lösung zu finden. Die Beratung ist ergebnisoffen und unverbindlich, Sie entscheiden am Ende selbst, welchen Weg Sie gehen.

Über die Einstiegsqualifizierung in die Lehre finden

Manchmal fehlt zum Ausbildungsplatz nur der letzte Schritt: die Chance, sich im Betrieb wirklich zu zeigen. Genau hier setzt die Einstiegsqualifizierung an, kurz EQ. Sie ist ein von der Agentur für Arbeit gefördertes, sozialversicherungspflichtiges Langzeitpraktikum in einem echten Ausbildungsbetrieb. Die Inhalte orientieren sich an den ersten Monaten eines anerkannten Ausbildungsberufs. Sie lernen dort also die Grundlagen des Berufs, den Sie anstreben.

Junger Mensch wird von einem erfahrenen Ausbilder an einer Werkbank in die Arbeit eingewiesen.

Ein halbes bis ganzes Jahr im Betrieb sagt mehr über Sie aus als jedes Bewerbungsgespräch. Genau darauf setzen Unternehmen, die über die EQ einstellen.

Eine EQ dauert in der Regel zwischen sechs und zwölf Monaten und beginnt üblicherweise zum 1. Oktober, also direkt nach dem regulären Ausbildungsstart. Finanziell stehen Sie nicht mit leeren Händen da. Sie erhalten vom Betrieb eine Praktikumsvergütung, die dieser mit Unterstützung der Agentur für Arbeit zahlt: Erstattet werden ihm derzeit bis zu 276 Euro im Monat plus eine Pauschale für die Sozialversicherung. Wie hoch Ihre Vergütung am Ende ausfällt, vereinbaren Sie mit dem Betrieb, viele zahlen mehr als den geförderten Betrag. Während der EQ sind Sie in der gesetzlichen Kranken-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung abgesichert.

Das stärkste Argument für die EQ ist ihre Erfolgsquote. Die Kammern berichten übereinstimmend, dass ein großer Teil der Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Anschluss in eine reguläre Ausbildung übernommen wird, die IHK Düsseldorf etwa spricht von fast zwei Dritteln. Das hat einen einfachen Grund: Der Betrieb lernt Sie über Monate kennen und weiß am Ende viel besser, was in Ihnen steckt, als jedes Bewerbungsgespräch zeigen könnte. Das gilt auch umgekehrt, denn Sie finden in Ruhe heraus, ob der Beruf wirklich zu Ihnen passt, bevor Sie sich für Jahre binden.

Die EQ eignet sich nicht nur für einfache Tätigkeiten. Selbst in höher qualifizierten Berufen wie der Fachinformatik oder der Mediengestaltung kann sie ein Sprungbrett sein, etwa wenn praktisches Können schwächere Schulnoten ausgleicht. Bei Bedarf lässt sich die EQ mit ausbildungsbegleitenden Hilfen kombinieren, einer Art geförderter Nachhilfe, die fachliches Wissen oder Sprachkenntnisse vertieft.

Am Ende stehen Sie besser da als vorher. Sie erhalten vom Betrieb ein Zeugnis und können bei der zuständigen Kammer ein Zertifikat beantragen, das die erworbenen Kenntnisse dokumentiert. Damit lassen sich schwache Schulnoten spürbar ausgleichen. Der Weg zur EQ beginnt mit einem Gespräch bei der Berufsberatung oder dem Jobcenter. Den Förderantrag stellt der Betrieb vor Beginn, sprechen Sie interessierte Unternehmen also ruhig selbst auf diese Möglichkeit an.

Zuversichtlich und aktiv bleiben

Ein fehlender Ausbildungsplatz im August ist kein verlorenes Jahr, sondern nur ein Zwischenstand. Absagen gehören dazu und sagen nichts über Ihren Wert aus. Jede Bewerbung, jedes Telefonat und jedes Gespräch bringt Sie näher ans Ziel und macht Sie sicherer.

Mit einer griffbereiten Bewerbung, einem offenen Blick für weniger bekannte Berufe, den Angeboten der Nachvermittlung, kostenloser Beratung und der Brücke einer Einstiegsqualifizierung stehen Ihnen mehrere Wege gleichzeitig offen. Viele erfolgreiche Fachkräfte haben genau so angefangen, mit einer Bewerbung im letzten Moment. Bleiben Sie zuversichtlich und aktiv, dann stehen die Chancen gut.

Fotos: Textnetz, Generiert mit KI