Wenn am 31. Oktober die ersten Kinder mit Hexenhüten und Skelett-Kostümen an der Tür klingeln, denken die wenigsten daran, dass sie einen Brauch fortführen, dessen Wurzeln über 2.000 Jahre zurückreichen. Der Ursprung von Halloween liegt weder in Hollywood noch in einer Marketing-Idee amerikanischer Süßwarenhersteller, sondern in den Nebeln der keltischen Antike, in irischen Sagen und in einer erstaunlich pragmatischen Entscheidung der deutschen Spielwarenbranche. Wer die Geschichte kennt, sieht die geschnitzte Kürbislaterne mit anderen Augen an.

Geschnitzte Kürbislaterne mit warm leuchtender Kerze auf einer alten Holzschwelle, umgeben von trockenen Eichenblättern und Zapfen in der Abenddämmerung.

Die geschnitzte Kürbislaterne ist heute das Symbol von Halloween. Ihre Vorfahrin war allerdings kein Kürbis, sondern eine Futterrübe aus Irland.

Der Ursprung von Halloween liegt beim keltischen Samhain

Die ältesten Spuren des Festes führen zu den Kelten. In der Nacht zum 1. November feierten sie Samhain, ein über 2.000 Jahre altes Fest, das das Ende der Erntezeit und den Beginn des Winterhalbjahres markierte. Für die keltische Vorstellungswelt war dieser Übergang keine reine Kalenderfrage, sondern ein magischer Moment, in dem die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Verstorbenen als besonders durchlässig galt.

Die Menschen entzündeten große Feuer, brachten Opfergaben dar und verkleideten sich, um umherwandernde Geister zu verwirren oder freundlich zu stimmen. Vieh wurde von den Sommerweiden zurückgeholt, Vorräte wurden gesichtet, die dunkle Jahreszeit begann. Vieles, was heute als Halloween-Folklore durchgeht, hat hier seinen ersten kulturellen Klang. Die verkleideten Gestalten, die Feuerlichter in der langen Nacht, das Spiel mit der Angst vor dem, was hinter der Dunkelheit lauern könnte.

Wichtig ist dabei, dass Samhain kein Gruselfest im heutigen Sinn war, sondern ein ernster kalendarischer Wendepunkt. Erst spätere Umdeutungen haben aus dem Ritual das gemacht, was wir heute an der Haustür erleben.

Aus All Hallows‘ Eve wurde das Wort Halloween

Der zweite große Strang im Ursprung von Halloween ist ein christlicher. Als das Christentum sich in den keltisch geprägten Regionen ausbreitete, ließen sich alte Bräuche nicht einfach abschaffen, wohl aber überschreiben. Papst Gregor IV. ordnete im Jahr 835 an, das Fest Allerheiligen für die gesamte Westkirche offiziell am 1. November zu begehen. Damit lag der christliche Gedenktag exakt auf dem Datum, an dem zuvor Samhain begangen worden war.

Der Vorabend eines Hochfestes hatte in der Kirche eine eigene Bedeutung, er wurde als Vigil begangen. Aus dem englischen Ausdruck „All Hallows‘ Eve“, also dem Abend vor Allerheiligen, wurde im Lauf der Jahrhunderte in mundartlicher Verschleifung „Hallowe’en“ und schließlich Halloween. Der Name, den heute jedes Kind kennt, ist also im Kern eine sprachliche Abkürzung eines christlichen Kalenderausdrucks.

Interessant an dieser Überlagerung ist, dass weder das Keltische noch das Christliche vollständig verdrängt wurde. Beides mischt sich, und diese Mischung ist der eigentliche Boden, auf dem das moderne Fest wächst.

Stingy Jack und die Laterne aus der Rübe

Das visuelle Wahrzeichen des Festes hat einen sehr konkreten Ursprung in einer irischen Sage. Erzählt wird von einem Hufschmied namens Stingy Jack, einem trickreichen, dem Trunk zugeneigten Gesellen, der es geschafft haben soll, den Teufel gleich mehrfach hereinzulegen. Weil er zu Lebzeiten zu viel Unheil gestiftet hatte, blieb ihm nach seinem Tod der Himmel verwehrt. Und weil der Teufel ihm einst geschworen hatte, seine Seele nie zu holen, blieb ihm auch die Hölle verschlossen.

Zwei traditionelle Rübenlaternen mit von Hand geschnitzten Gesichtern auf einem dunklen Holztisch, warm beleuchtet von einer Kerze, im Hintergrund Herbstlaub und Brot.

Bevor der Kürbis übernahm, wurden Futterrüben ausgehöhlt und geschnitzt. Wer schon einmal versucht hat, eine Rübe zu leeren, versteht, warum sich der Kürbis durchgesetzt hat.

Zurück ins Dunkel geschickt, erhielt Jack der Legende nach vom Teufel eine glühende Kohle, die er in eine ausgehöhlte Rübe steckte, um seinen Weg in der Nacht zu erhellen. Von da an wandert er als Jack O’Lantern zwischen den Welten. In Irland und Schottland schnitzten Menschen daraufhin Fratzen in Futterrüben, stellten Kerzen hinein und platzierten die Laternen ins Fenster oder an den Wegesrand. Sie sollten böse Geister abwehren und zugleich an die Wanderer zwischen den Welten erinnern.

Von Irland nach Amerika und zurück zum Kürbis

Wie ein irischer Brauch zum globalen Massenfest wurde, hat mit einer der bittersten Episoden der europäischen Geschichte zu tun. Mitte des 19. Jahrhunderts trieb die große Hungersnot Millionen Iren nach Nordamerika. Sie brachten ihre Sprache mit, ihre Musik, ihren Glauben und eben auch ihre Bräuche rund um Allerheiligen. In den Vereinigten Staaten fanden sie ein Land, in dem sich das Fest neu erfinden konnte.

Ein sehr praktischer Punkt hat dabei die Optik von Halloween für immer verändert. In Nordamerika waren Futterrüben unüblich, dafür wuchsen dort Kürbisse in großer Zahl. Sie waren heimisch, größer, weicher im Fruchtfleisch und deutlich einfacher zu schnitzen. Der leuchtende orange Kürbis mit seinem geschnitzten Gesicht ist also, streng genommen, ein amerikanisches Recycling einer irischen Idee.

Auch der Umzug in Kostümen und die Nachbarschafts-Rundgänge etablierten sich in dieser Phase in Nordamerika als bunter, kinderfreundlicher Volksbrauch. Aus einem eher düsteren Grenzritual wurde ein Straßenfest.

Süßes oder Saures und die alten Seelenkuchen

Der bekannteste Halloween-Ruf hat ebenfalls einen historischen Kern, der viele überrascht. „Trick or Treat“, auf Deutsch „Süßes oder Saures“, geht der Sache nach auf den mittelalterlichen Brauch des Souling zurück. Bettler und Kinder zogen um Allerheiligen und Allerseelen von Haus zu Haus und boten an, für die Verstorbenen des jeweiligen Haushalts zu beten. Als Gegengabe erhielten sie kleine Gebäckstücke, sogenannte Soul Cakes.

Das Prinzip hat sich hartnäckig gehalten, auch wenn die religiöse Bedeutung im Lauf der Jahrhunderte fast vollständig verloren ging. Aus dem Gebet für die Seelen der Toten wurde das kindliche Klingeln an der Nachbartür, aus dem Soul Cake wurde das Bonbon aus dem Supermarkt. Die Bewegung ist geblieben, die Idee des Gebens und Nehmens auch, nur der Anlass hat sich verwandelt.

Wer das nächste Mal die Schale mit den Süßigkeiten neben die Haustür stellt, ist damit unwissentlich Teil einer sehr langen Kette. Der Weg von den Seelenkuchen zum Schokoriegel ist länger, als er wirkt.

Der deutsche Ursprung von Halloween beginnt 1991

In Deutschland ist Halloween ein vergleichsweise junges Phänomen, und der Anlass der Einführung ist erstaunlich profan. 1991 fiel wegen des zweiten Golfkriegs der Karneval weitgehend aus. Für die Spielwaren- und Kostümbranche bedeutete das einen massiven Umsatzverlust, der ausgeglichen werden musste. Der Verband der Spielwarenindustrie beschloss daraufhin, Halloween gezielt als herbstliches Verkleidungsevent zu etablieren, wie die Fachzeitschrift absatzwirtschaft dokumentiert.

Was zunächst wie eine reine Marketingaktion wirken mag, fiel allerdings auf einen gut vorbereiteten Boden. In vielen Regionen Deutschlands und der Alpenländer gab es das sogenannte Rübengeistern, einen fast vergessenen Herbstbrauch, bei dem Kinder Futterrüben aushöhlten, Gesichter hineinschnitzten und mit den Laternen durch die Dämmerung zogen. Der amerikanische Kürbiskult knüpfte hier direkter an, als es damals wohl allen Beteiligten bewusst war.

Innerhalb weniger Jahre wurde aus einer Rettungsaktion für ausgefallene Karnevalsumsätze eine feste Größe im deutschen Herbst. Supermärkte, Kindergärten, Schulen und Vereine haben Halloween längst adoptiert, und die Diskussion darüber, ob das nun ein amerikanischer Import oder ein alter europäischer Brauch ist, wird jedes Jahr aufs Neue geführt. Die zutreffende Antwort lautet: beides.

Ein Fest mit vielen Schichten

Halloween ist keine reine Erfindung des Kommerzes, aber auch kein uraltes deutsches Erbe. Es ist das Ergebnis einer sehr langen Reise, von einem keltischen Jahreszeitenfest über eine christliche Vigil, eine irische Sage, eine Auswandererwelle, einen amerikanischen Kürbis und schließlich einen ausgefallenen Karneval. Jede Schicht hat ihre Spuren hinterlassen, und keine hat die andere vollständig überschrieben.

Vielleicht liegt genau darin der Reiz. Wer Ende Oktober eine Kerze in einen ausgehöhlten Kürbis stellt, entzündet ein Licht, das durch mehr als zweitausend Jahre Kulturgeschichte geflackert ist. Das müssen Sie weder zelebrieren noch bedeutungsschwer aufladen. Es zu wissen, macht den Abend an der Haustür aber ein kleines Stück interessanter.

Fotos: Textnetz, Generiert mit KI