Wer einen Naturgarten gestalten möchte, verabschiedet sich langsam, aber stetig von der Idee, dass ein guter Garten ein kontrollierter Garten sein muss. Statt akkurat geschnittener Hecken, steriler Schotterflächen und chemisch behandelter Rasenflächen entstehen Gärten, die summen, zwitschern und wachsen dürfen. Gärten, in denen nicht alles geplant ist, aber alles seinen Sinn hat. Naturnah zu gärtnern bedeutet nicht, den Garten sich selbst zu überlassen. Es bedeutet, mit der Natur zusammenzuarbeiten und ihr bewusst Räume zu geben, in denen sie tun kann, was sie am besten kann: Leben hervorbringen.


Eine Wildblumenwiese ist mehr als hübsch


Gartenszene mit scharfem Übergang zwischen kurzem Rasen links und einer blühenden Wildblumenwiese rechts mit rotem Mohn, weißen Margeriten, blauen Kornblumen und Gräsern. Schmetterlinge und Hummeln auf den Blüten. Goldenes Abendlicht durchleuchtet die Wiese, ein gemähter Pfad schlängelt sich hindurch.

Wo der Rasen aufhört, beginnt das Leben. Eine Wildblumenwiese braucht mageren Boden, regionale Samenmischungen und nur ein bis zwei Mähgänge im Jahr – und belohnt mit einer Farbenpracht, die kein Gartencenter nachahmen kann.


Ein Stück Rasen, das Sie nicht mehr mähen, wird nicht automatisch zur Wildblumenwiese. Rasen besteht aus wenigen Grasarten, die über Jahrzehnte hinweg darauf gezüchtet wurden, dicht, niedrig und einheitlich zu wachsen. Sie unterdrücken fast alle anderen Pflanzen. Eine echte Wildblumenwiese muss gesät werden, und der Boden muss dafür vorbereitet sein. Wie das in der Praxis Schritt für Schritt funktioniert, lesen Sie in unserer ausführlichen Anleitung Wildblumenwiese anlegen auf Ratschlag Garten.

Paradoxerweise brauchen Wildblumen mageren, nährstoffarmen Boden. Auf fetter, gut gedüngter Erde setzen sich die Gräser durch und ersticken die Blumen. Entfernen Sie deshalb die obere Grasschicht auf der geplanten Fläche, rauen Sie den Boden auf und mischen Sie ihn gegebenenfalls mit Sand, um ihn abzumagern. Dann säen Sie eine regionale Wildblumenmischung ein, die an Ihren Standort und Ihren Bodentyp angepasst ist. Regionale Mischungen sind wichtig, weil die enthaltenen Arten an das lokale Klima gewöhnt sind und den heimischen Insekten als Nahrung dienen. Exotische Blumenmischungen aus dem Baumarkt sehen im ersten Jahr bunt aus, kommen aber selten wieder und bieten der heimischen Insektenwelt wenig.

Eine Wildblumenwiese wird nur ein- bis zweimal im Jahr gemäht, im Hochsommer nach der Hauptblüte und gegebenenfalls noch einmal im Herbst. Das Mähgut bleibt einige Tage liegen, damit die Samen ausfallen können, und wird dann entfernt. Nicht liegen lassen, denn das würde den Boden düngen und die unerwünschten Gräser fördern. Die Magerkeit des Bodens ist kein Mangel, sie ist die Voraussetzung für die Artenvielfalt.


Totholz wird oft unterschätzt


Totholzhaufen aus Baumstämmen, Ästen und Rindenstücken in einer schattigen Gartenecke, teilweise mit Moos und Farnen bewachsen. Ein Igel schaut mit der Schnauze voran aus einer Lücke zwischen den Stämmen. Baumpilze wachsen an einem Stamm, Buschwindröschen blühen am Fuß des Haufens.

Was nach Unordnung aussieht, ist ein Fünf-Sterne-Hotel für Igel, Käfer, Blindschleichen und dutzende weitere Arten. Ein Totholzhaufen in einer ruhigen Gartenecke ist einer der wertvollsten Beiträge zur Artenvielfalt, den Sie leisten können.


Ein Haufen alter Äste in der Gartenecke sieht für manche nach Unordnung aus. Für die Natur ist er ein Hochhaus voller Wohnungen. Totholz ist einer der artenreichsten Lebensräume überhaupt. Käfer bohren ihre Gänge ins weiche Holz und legen dort ihre Eier ab. Pilze zersetzen das Material und wandeln es in Humus um. Moose und Flechten besiedeln die Oberfläche. Igel nutzen den Haufen als Winterquartier. Zaunkönige bauen in den Hohlräumen ihre kugelförmigen Nester. Und Erdkröten finden zwischen den Ästen feuchte, kühle Verstecke, von denen aus sie nachts auf Schneckenjagd gehen.

Schichten Sie einfach abgeschnittene Äste, Baumstammscheiben und Rindenstücke locker auf, am besten an einem halbschattigen Platz, der nicht gestört wird. Der Haufen darf gern ein paar Quadratmeter groß sein, je größer, desto vielfältiger die Bewohnerschaft. Ergänzen Sie ihn über die Jahre mit neuem Material, wenn Sie Sträucher schneiden oder ein alter Baum gefällt wird. Ein Totholzhaufen ist keine einmalige Maßnahme, sondern ein lebendiges, wachsendes Element, das sich ständig verändert und immer wertvoller wird.

Auch stehende tote Bäume, sogenanntes Stehendtotholz, sind ökologisch extrem wertvoll. Spechte zimmern darin ihre Höhlen, die nach dem Auszug des Spechts von Meisen, Kleibern, Fledermäusen und sogar Hornissen übernommen werden. Wenn ein alter Baum in Ihrem Garten abstirbt und keine Gefahr für Gebäude oder Wege darstellt, lassen Sie ihn stehen. Er wird zum Zentrum eines eigenen kleinen Ökosystems.


Hecken statt Zäune


Eine lebende Hecke aus heimischen Sträuchern ist für die Tierwelt tausendmal wertvoller als der schönste Zaun. Schlehe, Weißdorn, Holunder, Kornelkirsche und Haselnuss bieten Nahrung, Nistplätze und Schutz für Dutzende von Vogelarten. Im Frühling liefern die Blüten Nektar für Bienen und Schmetterlinge. Im Herbst reifen Beeren und Nüsse, die Amseln, Drosseln und Eichhörnchen durch den Winter bringen. Und im dichten Geäst finden Zaunkönige, Heckenbraunellen und Rotkehlchen geschützte Brutplätze.

Pflanzen Sie die Hecke idealerweise im Herbst, wenn die Sträucher bereits in der Ruhephase sind und sich über den Winter einwurzeln können. Mischen Sie verschiedene Arten, damit zu unterschiedlichen Zeiten geblüht und gefruchtet wird. Schneiden Sie die Hecke nicht zwischen März und September, denn in dieser Zeit brüten Vögel darin. Ein Herbstschnitt nach der Brutzeit reicht völlig aus. Und lassen Sie die Hecke ruhig etwas wild wachsen. Eine akkurat geschnittene Thujahecke ist für die Natur so wertvoll wie ein Betonblock. Eine natürlich wachsende Mischhecke ist ein Biotop.


Auch ein kleiner Gartenteich zählt


Kleiner Naturteich im Garten mit flachem Kiesufer und tieferem Zentrum. Sumpfdotterblumen blühen gelb am Rand, Seerosenblätter schwimmen auf der Oberfläche. Eine blaue Libelle schwebt über dem Wasser, ein Molch ist knapp unter der Oberfläche sichtbar. Flache Steine am Uferrand.

Zwei Quadratmeter Wasser verändern einen ganzen Garten. Libellen, Molche, Frösche und Vögel ziehen ein, sobald das Biotop steht. Verzichten Sie auf Fische in kleinen Teichen – ohne sie reguliert sich das Ökosystem von selbst.


Wasser zieht Leben an wie kaum ein anderes Element. Ein Gartenteich, und sei er noch so klein, verändert die Artenvielfalt in Ihrem Garten spürbar. Libellen legen ihre Eier ins Wasser, Molche wandern ein, Frösche beginnen im Frühling zu quaken und Vögel kommen zum Trinken und Baden. Selbst eine eingegrabene Mörtelwanne mit ein paar Sumpfpflanzen und einem flachen Uferbereich ist bereits ein funktionierendes Miniatur-Feuchtbiotop.

Gestalten Sie den Teich mit verschiedenen Tiefenzonen: einen flachen Uferbereich, eine mittlere Zone und einen tieferen Bereich von mindestens 60 Zentimetern, damit Molche und Frösche im Winter nicht durchfrieren. Verwenden Sie heimische Wasserpflanzen wie Sumpfdotterblume, Blutweiderich und Wasserlinsen. Verzichten Sie auf Fische in kleinen Teichen, denn sie fressen die Amphibienlarven und Libellenlarven, die das Ökosystem eigentlich tragen sollen. Ein fischfreier Naturteich reguliert sich selbst und bleibt im Gleichgewicht, ohne dass Sie eingreifen müssen.


Rasen mit Mehrwert


Sie müssen nicht Ihren gesamten Rasen in eine Wildblumenwiese umwandeln. Aber ein paar kleine Veränderungen machen einen riesigen Unterschied. Lassen Sie einen Streifen am Rand des Rasens ungemäht und beobachten Sie, was dort von selbst wächst: Gänseblümchen, Löwenzahn, Wiesenschaumkraut und Klee sind keine Unkräuter, sondern wertvolle Nahrungspflanzen für Bienen und Schmetterlinge.

Mähen Sie den Rest des Rasens seltener und höher. Fünf bis sieben Zentimeter Schnitthöhe statt der üblichen drei schonen das Gras, fördern tiefere Wurzeln und lassen dem Klee und den Gänseblümchen Platz zum Blühen. Der Rasen wird dadurch nicht ungepflegt, er wird lebendiger. Und das tiefere Gras beschattet den Boden besser, hält die Feuchtigkeit und braucht weniger Wasser. Weniger mähen, weniger gießen, mehr Leben – das ist ein guter Tausch.


Der Garten als Netzwerk


Wer einen Naturgarten gestalten will, baut mehr als die Summe seiner Teile. Die Wildblumenwiese ernährt die Bienen, die Ihre Obstbäume bestäuben. Der Totholzhaufen beherbergt die Käfer, die den Boden im Gemüsebeet lockern. Die Hecke schützt die Vögel, die die Raupen von Ihrem Kohl fressen. Und der kleine Teich beherbergt die Molche, die die Schnecken in Ihrem Salatbeet reduzieren. Alles hängt zusammen, und je mehr natürliche Elemente Ihr Garten enthält, desto stabiler und widerstandsfähiger wird das gesamte System.

Einen Naturgarten gestalten heißt nicht weniger Arbeit, sondern andere Arbeit. Statt gegen Unkraut zu kämpfen, lassen Sie es an bestimmten Stellen wachsen. Statt Schädlinge zu spritzen, locken Sie ihre Fressfeinde an. Statt den Rasen wöchentlich zu mähen, beobachten Sie, was dort blüht, wenn Sie es lassen. Es ist ein Wechsel der Perspektive, vom Kontrolleur zum Partner der Natur. Und die Belohnung ist ein Garten, der lebt, atmet und Sie jeden Morgen mit etwas Neuem überrascht.