Am 1. November räumen viele Familien die Kürbisse von der Fensterbank, und damit scheint die Sache erledigt. Tatsächlich beginnt genau an diesem Morgen die dichteste Brauchwoche des europäischen Herbstes. Zwischen dem 31. Oktober und dem 11. November liegen Feiertage, Umzüge, Gebäcksorten und Feuer, die in ihrer Grundidee alle dasselbe verhandeln: den Übergang vom Licht in die Dunkelheit. Wer diese Herbstbräuche im November nebeneinanderlegt, erkennt schnell, dass Halloween nicht der Höhepunkt ist, sondern der Auftakt.

Allerheiligen und Allerseelen, die beiden stillen Tage

Der 1. November gehört in der katholischen Kirche den Heiligen, der 2. November den Verstorbenen. Papst Gregor IV. legte das Hochfest Allerheiligen im Jahr 835 verbindlich auf den 1. November, Allerseelen kam gut zweihundert Jahre später als eigener Gedenktag dazu. In Deutschland ist Allerheiligen in Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und im Saarland ein gesetzlicher Feiertag und zugleich ein stiller Tag, an dem öffentliche Tanzveranstaltungen ruhen.

Der praktische Effekt dieser Feiertagsregelung wird selten erwähnt: Weil in katholischen Regionen der Folgetag frei ist, lässt sich der Abend des 31. Oktober überhaupt erst ausgiebig feiern. Halloween profitiert also von einem Kalender, gegen den es angeblich anläuft. Die beiden Tage danach verlaufen dann umso ruhiger, mit Friedhofsgängen, Gräberschmuck und Kerzen, die bis in die Nacht brennen.

Seelenbrot, Kastanien und Grablichter

Essen gehört zu diesen Tagen so selbstverständlich wie das Kerzenlicht. In Süddeutschland, Österreich und Teilen der Schweiz gibt es Allerseelengebäck: Seelenwecken, Seelenzelten oder Seelenbrote aus Hefe- oder Weißbrotteig, die früher an Arme, Patenkinder und Nachbarn verteilt wurden. Der Gedanke dahinter ist alt und einfach. Wer isst, erinnert sich, und wer gibt, tut es stellvertretend für jemanden, der nicht mehr am Tisch sitzt.

Drei geflochtene Seelenwecken aus Hefeteig auf einem Holzbrett im weichen Morgenlicht, ein traditioneller Herbstbrauch im November

Seelenwecken gehören zu den Herbstbräuchen im November und wurden früher an Nachbarn, Patenkinder und Bedürftige verteilt. Der Gedanke dahinter hält sich bis heute: Wer gibt, erinnert sich an jemanden, der nicht mehr am Tisch sitzt.

In Nordspanien, Katalonien und Portugal drehen sich die Feste dieser Tage um geröstete Kastanien. Bei den katalanischen Castanyades und den galicischen Magostos stehen Feuerstellen auf Plätzen und in Höfen, dazu kommen Süßkartoffeln und Mandelgebäck. In Polen wiederum verwandeln sich die Friedhöfe am 1. November in ein Lichtermeer aus Millionen Grabkerzen, ein Anblick, den viele Reisende für das eindrucksvollste Herbstbild Europas halten. Drei Länder, drei Ausdrucksformen, ein Anlass.

Rübengeistern, der fast vergessene Brauch vor der Haustür

Bevor der Kürbis kam, hatte Mitteleuropa seine eigene Laternentradition. Beim Rübengeistern höhlten Kinder in Süddeutschland, der Schweiz, Österreich und Teilen des Rheinlands Futter- und Zuckerrüben aus, schnitzten Fratzen hinein und zogen damit in der Dämmerung durch die Straßen. Je nach Region hieß der Brauch Rübenlichter, Räbeliechtli oder Turnips, und er war fest im Spätherbst verankert.

Kinderhände höhlen eine weiße Futterrübe aus, dahinter zwei geschnitzte Rübenlaternen mit Kerzenlicht

Eine Rübe auszuhöhlen dauert deutlich länger als ein Kürbis, dafür leuchtet sie kleiner und wärmer. Ein Dessertlöffel mit stabilem Stiel ist dabei das nützlichste Werkzeug.

Am lebendigsten ist er heute in der Schweiz geblieben. Im zürcherischen Richterswil findet jedes Jahr im November der Räbechilbi statt, bei dem Zehntausende ausgehöhlte Rüben in einem Umzug durch den abgedunkelten Ort getragen werden. Wer einmal versucht hat, eine Rübe auszuhöhlen, versteht allerdings, warum der weichere Kürbis sich durchgesetzt hat. Für ein Familienprojekt am Nachmittag lohnt der Aufwand trotzdem, schon weil das Ergebnis ganz anders leuchtet: kleiner, gelblicher, näher an einer Kerze im Fenster als an einer Deko-Laterne.

Guising, Souling und Martinssingen als Herbstbräuche im November

Das Klingeln an fremden Türen ist keine amerikanische Erfindung, sondern eine europäische Konstante. In Schottland und Irland heißt der Brauch Guising: Kinder ziehen verkleidet los und müssen für ihre Gabe etwas leisten, ein Lied, ein Gedicht, einen Witz. Die Gegenleistung ist der entscheidende Unterschied zum heutigen Süßes-oder-Saures, bei dem die Tüte ohne Vorleistung gefüllt wird.

Kinder mit selbst gebastelten Papierlaternen auf einer Dorfstraße in der Abenddämmerung

Am 11. November ziehen Kinder mit Laternen durch die Straßen und singen an Haustüren. Die Bewegung ist dieselbe wie an Halloween, nur der Anlass und die Melodie sind andere.

In Deutschland gibt es die gleiche Bewegung nur ein paar Tage später und mit anderem Vorzeichen. Zum Martinstag am 11. November ziehen Kinder mit selbst gebastelten Laternen durch die Straßen, singen an Haustüren und bekommen dafür Süßes, Obst oder Gebäck. Regional heißt das Martinssingen, Schnörzen oder Gripschen, und in vielen Orten geht dem Umzug ein Reiter im roten Mantel voran. Dass Kinder im Herbst mit Licht durch die Dunkelheit ziehen und an Türen um Gaben bitten, ist also weder importiert noch neu, sondern eine der stabilsten Ideen des europäischen Jahreslaufs.

Día de los Muertos, Farbe statt Stille

Wie unterschiedlich dieselbe Kalenderwoche aussehen kann, zeigt Mexiko. Vom 31. Oktober bis zum 2. November wird dort der Día de los Muertos begangen, der aus der Verschmelzung indigener Totenrituale mit dem christlichen Kalender entstanden ist. Familien bauen Altäre auf, sogenannte Ofrendas, und stellen darauf Fotos, Kerzen, Zuckerschädel, Brot und die Lieblingsspeisen der Verstorbenen. Orangefarbene Ringelblumen weisen den Seelen mit ihrem Duft den Weg nach Hause.

Der Ton ist ein anderer als in Mitteleuropa. Wo in Deutschland Stille und Zurückhaltung den Friedhof prägen, wird in Oaxaca gegessen, musiziert und bis in die Nacht gewacht. Die UNESCO hat das Fest 2008 in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Wer den Film „Coco“ mit Kindern gesehen hat, hat die Bilder bereits im Kopf, und für ein Gespräch über Erinnerung ist das ein erstaunlich guter Einstieg.

Guy Fawkes Night, wenn es in England brennt

Vier Tage nach Allerheiligen leuchten in Großbritannien die Feuer. Am 5. November erinnert die Bonfire Night an den gescheiterten Sprengstoffanschlag auf das Parlament von 1605, für den Guy Fawkes im Keller festgenommen wurde. Bis heute werden Strohpuppen verbrannt, Feuerwerke gezündet und Toffee-Äpfel gegessen, und Kinder ziehen mancherorts mit einer selbst gebastelten Puppe durch die Straßen.

Historisch hat dieser Tag nichts mit dem Totengedenken zu tun. Praktisch aber hat er in England lange die Rolle gespielt, die anderswo Halloween ausfüllte: ein Feuerfest in der frühen Dunkelheit, mit Umzug, Verkleidung und Süßem. Erst seit den 1980er-Jahren gewinnt Halloween dort wieder Boden, und die beiden Termine liegen inzwischen in freundlicher Konkurrenz nebeneinander.

Ein Herbst, viele Antworten auf dieselbe Frage

So verschieden diese Feste wirken, sie beantworten alle die gleiche Frage: Was macht man mit einer Jahreszeit, in der es früh dunkel wird und die Ernte vorbei ist? Die einen zünden Kerzen an, die anderen Feuer. Die einen backen Seelenbrote, die anderen decken den Tisch für die Toten. Und fast überall ziehen Kinder mit Licht durch die Straßen und bitten an fremden Türen um etwas Süßes.

Wenn Sie in diesem Jahr also am 1. November die Kürbisse abräumen, muss der Herbst noch nicht vorbei sein. Ein Seelenwecken zum Kaffee, eine ausgehöhlte Rübe auf dem Fensterbrett, eine Kerze für jemanden, an den Sie denken. Diese Herbstbräuche im November brauchen weder Deko noch Budget, sondern nur ein paar Minuten Aufmerksamkeit an den kürzer werdenden Nachmittagen.

Fotos: Textnetz, Generiert mit KI